Pfarrverständnis und Pfarrbild

Pfarrverständnis

In einer Visitation besuchen Vertreter einer evangelischen Kirchengemeinde ihre katholische Nachbargemeinde. Diese stellt ihren pastoralen Ansatz vor und betont die Rolle der Laien in der Gemeinde. Da merkt die evangelische Pfarrerin an: „Wir schätzen die Ehrenamtlichen in unserer Gemeinde anders wert. Es sind nicht einfach nur Laien, sondern unverzichtbare Mitarbeitende, die wertzuschätzen sind und ohne deren Unterstützung die Arbeit von uns Hauptamtlichen kaum zu leisten wäre“. Ohne es zu merken, wurden so zwei schwerwiegende Fehleinschätzungen deutlich, wie sie typisch für das Selbstverständnis ev. Pfarrerinnen und Pfarrer sind: a) Eine Hierarchie von Priestern und dann Laien sei in der ev. Kirche nicht gegeben, und b) ehrenamtlich Mitarbeitende seien als Unterstützende der Pfarrarbeit der Gemeinde zu verstehen. Allerdings ist das Verhältnis von Laien und Geistlichen in der katholischen Kirche nicht hierarchisch abgestuft zu verstehen, sondern als korrespondierend; so hatten manche Bischöfe im Mittelalter ihre Weihbischöfe, um ungestört die Alltagsgeschäfte abhalten zu können, und teilweise waren sie rein weltlich und nicht unbedingt geweihte Priester. Laien arbeiten so nicht ihrem Priester, sondern der Kirchengemeinde zu (was im Idealfall natürlich eine gute Kommunikation zwischen Laien und Priestern ermöglicht). Die zweite Fehleinschätzung ist ebenso typisch für viele ev. Gemeinden: Ehrenamtliche werden als verlängerter Arm der PfarrerInnen verstanden und nicht unbedingt sind Ehrenamtliche mit starken eigenen Kompetenzen erwünscht. In verschiedenen Konstrukt-Erhebungen im Rahmen von Gemeindeberatungsprozessen wurde immer wieder deutlich, dass Konstrukte wie Kompetenz, Selbstbestimmtheit und Innovationsfähigkeit, die für Firmen und Unternehmen von hoher Bedeutung sind, für Pfarrerinnen und Pfarrer eher bedrohlich wirken, aber auch für Presbyterinnen und Presbyter, die bei Wahlentscheidungen wie Neubesetzungen eher Kriterien der Harmonie folgen. Ob nicht gerade aufgrund der ausgeprägteren Hierarchie die katholischen Kirchen hier sehr viel mehr konfliktfähiger sein dürften? – Diese kleine Vignette habe ich angeführt, um eine Problematik des ev. Pfarrselbstbildes zu skizzieren: der Wunsch, doch endlich von „Rom“ als vollwertiger Pfarrer und Priester wahrgenommen und anerkannt zu werden. Diese Anerkennung wird aber wohl nicht möglich sein ohne den Preis der Anerkennung der röm. kath. Sukzession und der besonderen Rolle des Papstamtes. -

Es stellt sich die Aufgabe für das ev. Pfarrselbstverständnis, eine eigene Rolle definieren zu müssen. Im kath. Kontext allenfalls den Pastoralreferentinnen und -referenten gleichgestellt, muss ein eigener Weg aus der traditionellen Rolle des pastoralen Beamtenverständnisses gefunden werden. Der dritte Weg wäre der des „noachidischen Rabbinats“.

Was meint dieser Weg? Bestimmte Formen der pastoralen Entwicklung gerade in reformierten Zweigen der ev. Kirche können als in der Tradition der noachidischen Gebote verstanden werden. Als Noachidische Gebote werden im Judentum die sieben Gebote bezeichnet, die für alle Menschen Geltung haben sollen. Nichtjuden, die diese einhalten, können als Zaddik („Gerechte“) „Anteil an der kommenden Welt“ erhalten, weshalb das Judentum keine Notwendigkeit der Mission Andersglaubender lehrt. Der Noahidismus geht zurück auf die Tradition von Noach in der Tora und Auslegungen im Talmud.

Während katholischerseits die Anknüpfung an die noachidischen Gebote nicht möglich ist (da die sieben Sakramente aus der noachidischen Sichtweise als Götzendienst gewertet werden müssen), kann aus der ev. reformierten Tradition eine andere Linie gezogen werden. Die Thora wird als Heil und Licht für die Völker verstanden. Pfarrerin und Pfarrer sind dann kompetente Ausleger der Thora aus der Sicht des jesuanischen Messianismus. In gewissem Sinne gleicht das den Aufgaben des Rabbinats. Kernkompetenzen liegen dann in der exegetisch sauberen, existentiellen Auslegung der Schriften der hebräischen Bibel und der jesuanischen Schriften (des neuen Testamentes), bezogen auf die Lebenssituationen von Menschen, wie sie in den Kasualien Anwendung finden. Frei von einem verengten Sakramentsverständnis beschreibt das in der Alltagssprache „Reformiert Info“ das so: „Die Tora ist ein Gratisangebot Gottes. Es gibt sie nicht für Geld - wie Feuer, Wasser, Wüste, sagt der Midrasch, sagt Jesaja 55,1: "Auf! alle Durstigen, kommt zum Wasser!"

Die gottesdienstliche Ausrichtung müsste sich fundamental ändern. Die Gemeinde wird wie in der Synagoge als mündiger Verwalter der Schriften angesehen; diese sind nicht mehr nach Alten und Neuen Testament sortiert, sondern nach Gesetzestexten, Dichtung, Psalmen, prophetische Literatur und Schriften der Urgemeinde über Jesus von Nazareth. Die Gemeinde greift zu den Schriften und legt diese im gottesdienstlichen Vollzug aus. Wer spontan den Text des Sonntags lesen mag, liest, und wer eine Auslegung „empfängt“, legt aus – reformierte Traditionen, die bis zu den Mennoniten, Methodisten, Quäkern reicht. Pfarrerin und Pfarrer liefern den exegetischen Diskurs. Mehr nicht – und nicht weniger.