Ökumene

Ökumene

Die ev. Kirche steht in Fragen der Ökumene sehr wohl in einer „Bringschuld“. Sie sollte sich endlich zu einer Anerkennung des Papstamtes durchringen, nicht im Sinne einer „Rückkehr-Ökumene“, sondern im Sinne der Anerkennung der grundsätzlichen Einheit der Christenheit. Strukturen der ev. Kirche wären davon gegenwärtig nicht betroffen. Ob und was wie in den nächsten Jahrhunderten dann zusammenwächst, bleibt abzuwarten. Aber die Basis, die Grundvoraussetzung wäre so eine andere. Im Gegensatz zum ökumenischen Modell der versöhnten Verschiedenheit wird hier nicht auf die uniforme, sondern auf die geistliche Identität der Gliedkirchen gesetzt. Enttäuscht äußert sich die ZEIT über beide Kirchen:

Am 11. März 2017 wurde im Hildesheimer Dom ein "ökumenischer Buß- und Versöhnungsgottesdienst" gefeiert, gemeinsam von dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm. An der Liturgie war lange gebastelt worden, um beiden Konfessionen und allen denkbaren Empfindlichkeiten Rechnung zu tragen. Das Motto hieß "Healing of Memories", frei übersetzt so viel wie: Befriedung des Gedächtnisses, Heilung traumatischer Erinnerungen. Die gegenseitigen Verletzungen wurden zugestanden – und zugleich in einer Formel versteckt, wie es seit Jahrzehnten diplomatische Praxis der Ökumene ist. Um Erinnerungen wirklich zu heilen, müssen sie aber erst einmal benannt werden. Die Praxis der südafrikanischen Versöhnungsgespräche, von denen das Motto übernommen wurde, bestand gerade im ungeschminkten Erfahrungsaustausch zwischen Apartheid-Opfern und -Tätern, in der gemeinsamen Besichtigung einer brutalen Vergangenheit. Gemessen daran wurde der einzige wirklich kühne Schritt zu einer "healing of memories" zwischen den Konfessionen 1966 gewagt, als der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher das beispiellose Verbrechen seiner Amtsvorgänger bei der Protestantenvertreibung im 18. Jahrhundert (Zehntausende verhungerten oder erfroren auf der Flucht) benannte und bereute.

Von einer solchen Haltung war der damalige Versöhnungsgottesdienst weit entfernt. Insofern zeigte er auch keinerlei Auswirkungen. Gegenseitige Verfehlungen wurden pro forma in allgemeinster Weise benannt. Wenn überhaupt dieser Gottesdienst eine breitere Ausstrahlung in den Medien gewann, so war deren Reaktion eher skeptisch bis vernichtend.

Ökumene ist zu einer trivialisierten Form der „Gute-Nachbarschaft“ verkommen. Meistens verbirgt sich das unter dem Begriff der „Versöhnten Verschiedenheit“. Ökumene soll nicht weh tun und im Rahmen der je eigenen Profilierung erfolgen. Die Basis in den Gemeinden ist vor andere Herausforderungen gestellt. Längst wird dort in ökumenischen Projekten zusammengearbeitet, wo die Not anliegt. Diakonische wie caritative Einrichtungen haben längst gelernt, aus Gründen der Wirtschaftlichkeit miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren. Gemeindliche Basisprojekte wie soziale Kaufhäuser, Essenstafeln u.a.m. sind ohne ökumenische wie kommunale Vernetzung nicht denkbar. Die kirchlichen Obrigkeiten müssen dem erst noch zu folgen lernen.

Dabei machen es sich die Leitungen der ev. Landeskirchen und der EKD oft leicht. Es gilt die Auffassung: Wir Evangelische haben ja die ökumenische Weite geschaffen. Ein jeder Getaufter ist zum Abendmahl eingeladen. Selbstverständlich feiern wir ökumenische Trauungen. Und das Sakrament der Taufe ist ohnehin gegenseitig anerkannt. Wir bemühen uns auch schon lange um die Anerkennung des ev. Pfarramtes, da hapert es leider bei Rom. Ja überhaupt, Rom…

Eintausendfünfhundert Jahre gemeinsame Kirchengeschichte werden so systematisch von evangelischer Seite ausgeblendet. Und der Mut, sich zu sagen, das Experiment Martin Luthers war seinerzeit wichtig und prägend, aber muss so nicht in alle Ewigkeit fortgeführt werden, ist nur selten zu finden. Die ZEIT drückt das in besagtem Beitrag zur gemeinsamen Erklärung 1999 sarkastisch das so aus: „die neue gemeinsame Sprache befremdete stark. Man fand die kostbarsten Glaubensinhalte auf einmal seltsam gespiegelt. So hatte man es doch nie gesagt! Und wollte man es je so sagen? Es klang so konkret und verbindlich, die traut schimmernden Überkrustungen von Jahrhunderten waren plötzlich abgeschlagen. Ein Christentum erschien, das weder katholisch noch evangelisch war. Konnte das sein, durfte es?.

Nun nähern wir uns allmählich einer Epoche, in der aus ökonomischen Gründen die Ökumene mehr und mehr zwangsgestaltet werden wird. Was zuvor in Freiheit zu gestalten nicht möglich war, wird unter Druck in Zukunft erfolgen müssen. Die gemeinsame Gebäudenutzung und Immobilienverwaltung scheint vordringliches Anliegen der Kirchenleitungen beider Seiten zu werden, während beim Abendmahl katholischerseits immer noch oft ein „Nein“ erfolgt. Aber auch dieses wird ökonomischen Zwängen weichen. In ländlichen Großräumen wird die Versorgung gerade altgewordener katholischer wie evangelischer Menschen mit Krankensalbung und Abendmahl / Kommunion so dringlich werden, dass eine evangelische Oblate einer katholischen Hostie als gleichwertig erachtet werden wird. Der Prozess wird schleichend sein und die dogmatische Theologie wird nachzuziehen lernen.