Künstliche Intelligenz

Künstliche INtelligenz

Die Ausrichtung auf die künstliche Intelligenz (KI) wird ebenso die große Herausforderung für die Kirchen werden. Denn das Grundparadigma künstlicher Intelligenz besagt im Grunde: die von uns Menschen geschaffenen Probleme haben eine derartige Komplexität gewonnen, dass sie nur noch mittels künstlicher Intelligenz händelbar und steuerbar sind. Künstliche Intelligenz erschöpft sich also nicht in einem „Alexa“-Sprachassistenten, welcher nur ein Nebenprodukt ist. Vielmehr wird künstliche Intelligenz Eigentum neu bestimmen und verteilen. Das selbstfahrende Auto ist kein persönlicher Besitz mehr, sondern ein Mobilitätsangebot. Auf den Nutzer zugeschnittene Medieninhalte lassen kritische Reflexionen schwieriger werden. Die Bildung kommunikativer Blasen bei Facebook, Twitter und Co. gibt einen ersten Eindruck davon. Künstliche Intelligenz wird helfen müssen, diese Blasenbildungen zu vermeiden. Die Kompetenzen künstlicher Intelligenz im medizinischen Bereich ist erst zu erahnen. Und wenn der Herrschafts-Griff auf Wetter und Atmosphäre erfolgen, also das Wetter von künstlicher Intelligenz gesteuert werden kann, dann ist die alte Liedweise von einem Gott, der die Sonne scheinen und es regnen lässt, endgültig als museal zu betrachten. Welche Rolle gedenkt Kirche hier einzunehmen? Was wird ihr „Produkt“ sein, wenn in meinem von künstlicher Intelligenz gesteuerten Alltag sich Sinn- und Existenzfragen nicht mehr stellen und allenfalls als technische Frage sich stellen? Ist angesichts der Möglichkeiten des „Homo Deus“ die Religion an ihr natürliches Ende gelangt?

Die eigentliche provozierende Herausforderung künstlicher Intelligenz an die Kirche ist die These: Das Evangelium ist ein virtuelles Produkt. Dazu wieder eine kleine Vignette aus dem täglichen Leben: Eine Konfirmandengruppe zu Besuch in einem Bochumer Kloster der Zisterzienser. Der Pater, aus Österreich, erzählt von den Idealen und Zielen des zisterziensischen Lebens. Da fallen die Sätze: „Natürlich ist Maria leibhaftig in den Himmel aufgefahren. Denn wäre sie nicht aufgefahren, dann hätten wir doch etwas von ihr gefunden, ein Taschentuch, ein Knöchelchen … haben wir aber nicht. Ergo: sie ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgefahren“. Mir Theologen, von den siebziger Jahren geprägt, sträuben sich innerlich die Nackenhaare ob der Unwissenschaftlichkeit dieser Aussage und der ideologischen Enge. Aber die Konfirmanden stutzen – na klar, einleuchtend. In der Nachbesprechung wird deutlich, auch sie haben keine Probleme, die Nichthaltbarkeit der Aussage (aus nicht Seiendem kann nicht auf Seiendes geschlossen werden) nachzuvollziehen, aber in der Welt des virtuellen Spiels sind solche Dinge virtuell real, und damit real. Menschen fahren auf in andere Welten, wandeln sich, Engel und Monster begegnen uns und Harmagedon als endzeitlicher Kampf um Welt und Himmel ist gegenwärtig. Es wird der Tatsache nicht gerecht, jetzt mit dem Snobismus des aufgeklärten Wissenschaftlers über diese Phantasiewelten hinwegzugehen und diese als nichtig abzuqualifizieren. Denn die Virtualität ist eine Realität, und wo sonst sollte ein Auferstandener nicht seinen Platz finden, wenn nicht in dieser?

Präziser formuliert zwingt KI die Kirchen dazu, zu reflektieren was es heißt, das Evangelium unter den Bedingungen von KI und deren Virtualität zu reflektieren. Virtualität präsentiert sich ausschließlich im erkennenden Subjekt. In der physischen Realität sind nur Glasfaserkabeln, Rechnerchips, Festplatten und Servereinheiten erkennbar, wenn man die prinzipiell auf Papier ausdruckbaren Algorithmen der Programme nicht auch noch dazu rechnen mag. In den nach neurologischen Prinzipien funktionierenden Selbstlerntechniken entzieht sich eine mögliche Dokumentation mehr und mehr unserem Zugriff. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Dokumentation und damit der Verschichtlichung von Prozessen, auf die auch die Aufzeichnung der biblischen Dokumente beruhte, entschwindet. Virtualität dokumentiert, ohne dass diese Dokumentierung Kriterien der Falsifizierbarkeit zuzuführen wären. Aber diese virtuellen Krähenfüße reichen in ihrem Abdruck bis in die Zeiten der biblischen Tradierung zurück. Auch die biblischen Schriften geben ja keine „Hardware“-Geschichte wieder, sondern geglaubte, erhoffte, in Liebe erlebte Geschichte wieder. Was aber Glaube, Hoffnung, Liebe unter den Bedingungen der KI bedeuten, ist erst noch zu buchstabieren.

Wie sehr diese Fragen brennen, mag abschließende „virtuelle“ Betrachtung liefern: Ihnen werden zwei Daseinsformen angeboten. In der ersten werden Sie virtuell ferngesteuert und erleben ein intensives, aufregendes, beglückendes Leben, - eine Gotteserfahrung eingeschlossen -, können aber nicht die Frage beantworten, ob dieses Leben real ist. In der zweiten erfolgt keine Fernsteuerung. Was Ihnen widerfährt ist real im physischen Sinne eines Trabanten Erde, der sich um die Sonne dreht und Leben unterschiedlichster Form entstehen ließ in allen damit verbunden Formen des Entstehens und Vergehens. Aber Sie haben die Gewissheit, es ist real im Sinne der physikalischen und quantenmechanischen Gesetze dieses mit sich selbst identischen Universums. Welche Daseinsform würden Sie bevorzugen?

Die erstere Daseinsform kann noch „brutaler“ formuliert werden: Die Fernsteuerung erfolgt so, dass sich Ihnen die Frage „Ist das real, was ich erlebe“, gar nicht erst stellt. Und es bleibt die unangenehme Zwickmühle, ob nicht die reale Daseinsform der Gottesferne und Hölle entspricht, und die virtuelle dem Himmel, der Gottesnähe, dem Eschaton. Oder umgekehrt?