Diversität

Diversität

Je mehr der Klimawandel zum bedrängenden Problem der Welt wird, desto mehr wächst auch das Bewusstsein für die Diversität des Globus, die allein Überleben und Systemstabilisierung zu garantieren vermag. Diversität ist ein Konzept der Soziologie und Sozialpsychologie, das in der deutschen Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft analog zum Begriff Diversity im englischsprachigen Raum für die Unterscheidung und Anerkennung von Gruppen- und individuellen Merkmalen benutzt wird. Häufig wird der Begriff Vielfalt anstelle von Diversität benutzt. Im unternehmerischen Sinn ist der Begriff der Diversität die Alternative zum Migrations- und Interkulturalitätsbegriff. Er beinhaltet das Miteinander von unterschiedlichsten Arbeitsstilen, Lebensstilen und Werte-Einstellungen, ohne dass diese eigens thematisiert oder problematisiert werden. Dagegen würde der Migrationsaspekt die Perspektive bereits zu sehr verengen. Abgeschaut ist das dem Diversitätsprinzip der Natur: innerhalb der biologischen Systeme und des Gesamtsystems Welt sind die entgegengesetzten Lebensformen nicht verzichtbar. Insekten, Säugetiere, Vögel, Kriechtiere, aber auch Kleinstlebewesen wie Zecken sowie die gesamte Flora und Fauna sind notwendig für die Gesamtstabilität des Planeten, ohne dass zwischen diesen zwangsläufig Kommunikation entstehen muss und ohne dass die eine Erscheinung gegenüber einer anderen abgewertet werden könnte!

Die kirchliche Theologie und die Ausrichtung kirchlicher Arbeit wird diesem Diversitätsansatz kaum gerecht. Die monotheistische Ausrichtung auf eine Gottheit zwingt zu Normierungen und Vereinseitigungen, die sich in teils absurden theologisch-interreligiösen Dialogen äußert. Als ein Beispiel sei hier der „Sohn Gottes“ Begriff genannt. Aus einem „Diversitäts-Konglomerat“ von messianischen, prophetischen, griechisch-hellenistischen Mysterienvorstellungen und römisch-königlichen Titeleien entwachsen, wurde er zunehmend biologistisch missverstanden und enggeführt, so dass er schließlich zu einem echten Kommunikationsproblem bis heute z.B. mit muslimisch Gläubigen und dem Islam führte. Wie befreit reagierten Muslime, als sie hörten, dass der Titel der Sohnschaft äquivalent zum Prophetentitel anzusehen ist; Jesus ist der größte Prophet im Koran, wie denn auch im Christentum er Sohn Gottes ist. Unter dem Gesichtspunkt der Diversität löst sich das Verständnisproblem, indem es verschwindet. – Ein anderes „diversitätsfeindliches“ Konstrukt wäre das der abrahamitischen Religionen; hier werden Judentum, Christentum und Islam unter der Haube des sie (angeblich) verbindenden Gottesbegriffs zusammengefasst, ohne das reflektiert wird, das schon in jeden einzelreligiösen Strömungen Gottesbilder (und nur von Gottesbildern oder Gottesvorstellungen kann man reden, nicht von einem ontologisch gesetzten Gott) völlig divers zueinander sich verhalten können.

Wie schwer sich kirchliche Strukturen mit Diversität tun, wird aber immer auch in kleineren Settings deutlich. Traditionelle Strukturen wie die von Frauenhilfen, Presbyterien usw. haben oft erhebliche Schwierigkeiten, sich „divers“ zu verstehen und sich einfach einmal mit fremden Elementen zu mischen (z.B. Muslimen oder Andersgläubige als Presbyteriums-Mitglied). Die Strukturen zielen auf Ausschließung und nicht Durchmischung, auf Normierung und nicht Mutierung. In-Group und Out-Group Vorstellungen bestimmen das Denken; so in der EKD-Denkschrift zur „guten Nachbarschaft“ zwischen Christen und Muslimen. In der Natur haben solche Systeme keine Überlebenschance. Menschen sind Natur; menschliche Organisationen unterliegen Naturgesetzen.

Ein Indikator für diesen Denkansatz könnte die bange Frage oder Aussage sein „Das macht doch unseren Glauben kaputt“, die immer wieder anklingt, wenn in einer Gemeinde zu viel „Mischung“ an Ideen, Menschen, Vorstellungen droht.

Es würde hier den Rahmen sprengen, religionskritisch die Frage zu stellen, ob Religion per se nicht diversitätsunfähig ist. Zumindest die westliche Religion des Christentums führte zu gravierenden Verletzungen des Diversitätsprinzips, die momentan den Planeten an den Rand des Abgrunds führt. Rührend mutet es an, wenn religiöse Institutionen da ihr „Apfelbäumchen“ zu pflanzen versuchen, sich auf die moralisch ermahnende Position zurückziehen, anstatt sich in selbstkritischer Reflexion zu üben.

Kontakt

apl. Prof. Dr. Norbert Ammermann

Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel

Hochschule für Kirche und Diakonie

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